Kniet nieder, ich bin Mutter!

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Kniet nieder vor der Mutter

Heiligenscheine waren aus, deshalb musste ich mit ’ner stinknormalen Mütze vorlieb nehmen (die versteckt auch die ungewaschenen Haare deutlich besser).

„Sach lieber nix“, dachte ich mir. „Wer weiß. Vielleicht entdeckst du mit dem ersten positiven Schwangerschaftstest plötzlich auch deinen inneren Übermenschen.“

Die allgegenwärtige Glorifizierung von Mutterschaft geht mir schon lange tierisch auf den Sack. Den dazugehörigen Heiligenschein setzen sich die Frauen meist selbst auf. Zwar nicht immer in so imposanten Bildern wie sie grade überall von Beyoncés Grammy Auftritt zu sehen sind, aber dafür umso beharrlicher.

„Ich bin jetzt Mutter. Ich habe der Menschheit einen großen Dienst getan, habe meinem Leben endlich einen vorzeigbaren Sinn und größeren Wert verliehen. All ihr Nicht-Mütter könnt das nicht begreifen, ihr habt dieses Wunder nicht erfahren. Kniet nun nieder vor mir und betet die Schaffenskraft meines Schoßes an.“

Naja. So genau sagt das natürlich niemand. Aber wieder und wieder begegne ich Müttern, die sich verhalten, als hätten sie diese Sätze bei der Empfängnis zutiefst verinnerlicht.

Kniet nieder vor der Mutter

„Ach, du hast da einfach keinen Bezug zu, zu dieser Kinder-Sache“, dachte ich. Später dann: „Vielleicht bist du ja unterbewusst einfach neidisch, weil es bei dir nicht so einfach klappt.“
„Halt die Füße still, wer weiß, wie du dich aufführst, wenn das Kind erstmal da ist“, redete ich mir in letzter Zeit immer öfter gut zu, wenn mir wieder mal eine dieser Frauen unter kam, die vom Glorienschein der eigenen Mutterschaft vollkommen verblendet sind.

Ganz ehrlich? Wenn ich mich jemals für etwas Besonderes halte, nur weil ich im entscheidenden Moment auf Verhütung verzichtet habe, dann hoffe ich auf ein paar ordentliche Backpfeifen, die mir den güldenen Strahlenkranz wieder zurecht rücken.

Und versteht mich jetzt bitte nicht falsch. Unser Kind ist hier mehr als erwünscht. Ich freue mich, seine Mutter zu sein. Dadurch werde ich aber kein besserer, wertvollerer Mensch. Dadurch wird mein Dasein nicht automatisch auf eine neue Ebene erhoben. Damit habe ich noch nichts geleistet, was Ehrfurcht und Verehrung rechtfertigt.

Werden Frauen herabgesetzt, weil sie „nur Mutter“ sind, dann stehe ich an vorderster Front derer, die dafür einstehen, dass Mutter zu sein eine wichtige und ernstzunehmende Aufgabe sein kann.
Aber den ganzen Beyoncés mit aufpoliertem Heiligenschein zum stolz vor sich her getragenen Babybauch kann ich nur sagen: Ihr habt doch den Knall nicht gehört.

Ja, klar. „Queen Bey“ weiß halt einfach, wie man eine tolle Show abzieht. Hinter den eindrucksvollen Bildern, die sie so gerne liefert, steckt mindestens so viel Kalkül wie ehrliche Überzeugung.
Aber mit ihrer Muttergottesnummer hat sie eine nach wie vor aktuelle Darstellung dessen geliefert, was in unserer Gesellschaft ein noch heute weit verbreitetes Frauenbild ist: Die Selbstvollendung durch Mutterschaft. Immer auch mit dem Umkehrschluss, der allen Nicht-Müttern Unvollkommenheit unterstellt.
Ich dachte eigentlich, wir wären alle ganz froh darüber, dass die Zeiten, in denen es ein Ehrenkreuz für Mütter gab, aus und vorbei sind.

Kniet nieder vor der Mutter

Ist die Entstehung und Geburt eines Kindes ein Wunder? Ja. Genau so sehr wie die Fähigkeit des Körpers, Wunden zu heilen und mit Hilfe von Sonnenlicht Vitamin D zu produzieren. Habe ich Ehrfurcht davor? Ja. Vor dem menschlichen Körper als Ganzes, in all seiner Vielfalt.
Natürlich beobachte ich meinen zuckenden Bauch mit großem Staunen, wenn das Kind, das darin wächst, sich dreht und streckt. Aber das macht meinen Bauch nicht wundervoller, als er vor der Schwangerschaft war. Noch macht es ihn wertvoller für die Gesellschaft als den Bauch irgendeines anderen Menschen.

Vielleicht fehlt mir, trotz lang gehegtem Kinderwunsch, am Ende einfach das entscheidende Mutter-Gen, das dafür sorgt, dass Frauen sich nach erfolgreicher Fortpflanzung als wunderbares Naturwesen begreifen, all ihre Social Media Profile mit „Stolze Mama“ oder „Mutti von XY“* überschreiben und auch sonst ihr Sein ganz in den heiligen Dienst der Mutterschaft stellen.
Vielleicht tritt dieses Gen auch wirklich erst nach vollendeter Geburt in Kraft und das Internet wird mir diesen Text hier gewaltig um die Ohren hauen. Aber ich glaube nicht. Ich hoffe nicht.
Denn so, wie ich bin, finde ich mich schon ganz gut. Als ganz normalen Menschen. Als Frau mit eigener Meinung. Als vollkommen irdische, fehlbare Mutter. Mit Beanie statt Heiligenschein, um die ungewaschenen Haare zu verstecken.

Eine Sache gibt es aber doch, über die ich mich früher äußerst gerne lustig gemacht habe, die ich mittlerweile in völlig anderem Licht sehe: Die ewige Hand auf dem Babybauch. Manch eine werdende Mutter mag das vielleicht wirklich nur tun, um der ganzen Welt ihr „kleines Wunder“ zu präsentieren. Aber ganz ehrlich? Ich glaube einfach, dass es den meisten so geht wie mir. Man hält sich den Bauch ganz automatisch, wenn er ständig zwickt, rumpelt oder ab und an auch mal richtig weh tut. Und sobald es wieder anfängt, darin zu zappeln, will zumindest ich sichergehen, dass nicht gleich ein kleiner Facehugger seinen großen Auftritt hat 😉

*Dieser kleine Teil meines Textes sorgt scheinbar für die größte Aufregung. Dabei wehre ich mich doch gar nicht gegen Instagram-Biographien, sondern gegen Mütter, die ihre Mutterschaft als Legitimation für Überlegenheit anführen. „Stolze Mama“, das findet sich auch in einigen Social Media Profilen meiner Freundinnen, die ich als tolle Frauen aufrichtig bewundere (was sie aber niemals einfordern würden, schon gar nicht auf Grund eines Zufalls wie Mutterschaft). Es ist das Gesamtpaket an überzogenem Mutterstolz, das die Heiligenscheinmütter mitbringen, auf das ich an dieser Stelle hinaus will.

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  1. Sarahleehh 14. Februar 2017

    Schön dich im Social Web gefunden zu haben. Coole Braut. Und herrlich frisch geschrieben. Dieses Mutter-Gen suche ich auch noch. Neben der Glorifizierung stelle ich aber auch fest, dass mir dieses „Leiden-Müssen“ auf den Nerv geht. Wie oft wird einem mit mitleidigem Blick die immer gleichen Fragen gestellt: „Und wie geht es dir? Schreit er viel? Kannst du schlafen? Ist es sehr schwer alleine?…“ Wenn ich dann sage: „Alles gut.“ Scheint es mir so, als würde ich alle enttäuschen. Sorry, ich leide nicht. LG

    • Danke dir! Scheinbar muss man so oder so ein furchtbares Theater um den Nachwuchs machen, sonst läuft da irgendwas nicht richtig 😀

  2. Meine Güte, da hast du aber ein schlechtes Bild von Müttern. Zumindest kommt es bei mir so an…
    Also ich hab das noch nie nicht so gesehen, dass Mütter sich verherrlichen. Die Bilder von Beyoncé finde ich einfach abartig, ganz furchtbar hässlich. Schon dieses Bild mit dem Tuch überm Kopf, meine Güte, wer hat sich den Müll ausgedacht? Die alte hat einfach nen Sockenschuss meiner Meinung nach.
    Die Betitelung als „stolze Mama von“ rührt ganz einfach daher, dass man sein Kind einfach so unfassbar liebt und stolz auf dieses kleine Wesen ist. Nicht die Mutter wird empor gehoben, sondern das Kind!
    Warts ab, man ahnt vorher gar nicht wie sehr man sein Kind lieben kann.

    Liebe Grüße
    Christina

    • Du, ich versuche überhaupt kein festes Bild von Müttern zu haben. Mir geht es immer mehr gegen den Strich, dass man als Mutter als Frau in ein bestimmtes Bild passen muss, um von der Gesellschaft als „vollwertig“ angesehen zu werden.
      Mit meinem Text wollte ich auch nicht meine Ablehnung gegen alle Frauen zum Ausdruck bringen, die sich selbst plakativ als „stolze Mama“ betiteln. Hey, jedem das seine! Aber wenn so eine stolze Mutter andere Frauen aus einer Position der vermeintlichen Überlegenheit behandelt, ihnen ein erfülltes Leben und das Erfahren wahrer Liebe abspricht, dann hört’s bei mir auf.
      Und Beyoncé hat für diese Begegnungen mit Müttern und einem überhöhten Mutterbild, die nicht nur mir immer wieder begegnen, das perfekte Abbild geschaffen.
      Dass du eine Mama bist, die stolz auf ihre Kinder ist, finde ich super! Nur warts mal ab, ich werde mein Kind vielleicht auf ganz andere Art und Weise lieben 😉

  3. Danke, danke für diesen Text! <3 Ein komisches Gefühl meinerseits gegenüber dieser Glorifizierung, hast du in Worte gepackt und ausgesprochen. Ausgesprochen, was man als "Nicht-Mutter" meist gar nicht laut sagen darf. Weil dann ist man neidisch. Frustriert. Zickig. Muss sich erklären. Diskutieren. Und darauf hab ich manchmal so gar kein Bock. Ab sofort und bei der nächsten Diskussion werde ich deinen Text einfach ausgedruckt ins marienselig dreinblickende Gesicht meines Gegenüber drücken. Ja, Mütter dieser Welt, ihr schafft Leben, etwas Wunderbares. Ich respektiere diese Verantwortung, diese wahnsinnige Aufgabe. Ich respektiere den Zustand an sich aber nicht. Also bitte kommt mal runter. :* (PS: Mami, wenn du das zufällig liest: du bist die Tollste und meine Heldin!)

    • Ja, als „Nicht-Mutter“ steht einem eine Meinung zu Schwangerschaft, Mutter werden und Kindererziehung schon mal gar nicht zu. Da haben nur die echten Eltern die Deutungshoheit (zu meiner großen Überraschung machen einen Kinder übrigens nicht direkt zu „echten“ Eltern, da gibt es scheinbar ein ausgeklügeltes Punktesystem oder so 😉 ).
      Dass einem das eigene Kind die absolute Weisheit in Sachen Mütterlichkeit verleiht sieht man übrigens perfekt daran, dass die Mütter dieser Welt in allen wichtigen Dingen einer Meinung sind 😀 Die müssen es ja schließlich auch wissen…

  4. Du hast soooo sooooo Recht. Grum von einer Hebamme, die gernst ein paar von Deiner Sorte betreuen würde.

  5. Hab ich bei Leuten wie „du und ich“ ehrlich gesagt nie erlebt. Das bei den Stars alles ne Nummer abgefahrener ist, ist ja normal, aber nicht auf unseren Normaloalltag übertragbar. Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass mein Kind die Sache im Leben ist, auf die ich mehr stolz bin als auf alles was war und noch kommen mag. Das muss niemand so nachvollziehen können, da gesellschaftlich ja auch oft andere Dinge akzeptierter sind. Leider. Aber aus dem Grund empfinde ich mittlerweile auch mehr Verständnis zum Beispiel für Mütter mit „Stolze Mami von…“-Profilen. Leben und leben lassen, auch wenn es nicht unbedingt der eigene Stil ist <3

    • Ich erlebe das leider schon seit geraumer Zeit immer und immer wieder.

      Es ist doch nicht das „Stolze Mami von…“ in der Instagram-Bio, das mich stört. Das haben auch so einige Freundinnen von mir da stehen, die selber tolle Frauen und sehr entspannte Mütter sind, die nicht auf ihre Mutterschaft als Legitimation für Überlegenheit pochen.

      Mit „leben und leben lassen“ rennst du bei mir und auf diesem Blog offene Türen ein, anderen Menschen ihren eigenen Stil zuzugestehen ist ein Thema, dass hier regelmäßig auftaucht. Ich störe mich nicht an Frauen, die einen anderen Lebensstil pflegen als ich. Ich störe mich daran, dass mir wieder und wieder Frauen begegnen, im Internet genau wie im echten Leben, die mich, meine Erfahrungen und meinen Stil deutlich abwerten. Frauen, die erwarten, dass man für sie springt sobald sie husten. Frauen, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben wollen. Frauen, die sich mehr Lebenserfahrung zuschreiben. Einfach weil sie Mütter sind.

      Wenn du so etwas nie erlebt hast, dann ist das prima. Heisst aber nicht, dass es das per se nicht gibt.

      Dass du das gesellschaftliche andere Extrem zu spüren bekommst, ärgert mich übrigens genau so. Keine Mutter sollte sich dafür rechtfertigen müssen, gerne Mutter zu sein. Auch nicht vor mir, da hast du Recht. Aber einfach nur eine „stolze Mutter“ zu sein, das mache ich niemandem zum Vorwurf.

  6. Melde mich freiwillig, sobald du die gewünschten Backpfeifen benötigst 🙂
    Ich wage es die Behauptung aufzustellen, dass 8 von 10 Müttern, wenn sie auf andere Mütter treffen (und leider auch, wenn sie auf offensichtliche Nicht-Mütter wie mich treffen), nur ein Thema kennen, ihre Kinder…
    LANGWEILIG!!!!
    Ein Kind ist was Tolles, aber kein ausschließlicher Lebensinhalt. Wenn du so wirst gibt es Ärger…
    …und Backpfeifen!

    • Jaja, für Backpfeifen kann ich immer auf dich zählen <3 Was die Vermeidung ebenjener angeht: Ich geb mir Mühe!

  7. Leider habe ich noch nicht das Glück eines positiven Schwangerschaftstests, aber ich hoffe das kommt irgendwann.
    Trotzdem sprichst du mir aus der Seele.
    Meine Freundinnen sind zum Großteil recht bodenständige, eher natürliche Frauen, die ihre Kinder natürlich lieben, aber kein großes Tamtam um ihre Leistung, ein Kind bekommen zu haben oder es nun zu versorgen, machen. Von ihnen bekomme ich mit, dass sie deshalb oft auch seltsam angeschaut werden.
    Allerdings kenne ich auch ein paar der bei dir beschriebenen Mütter. Kleine It-Girls oder Karrierefrauen, die scheinbar nach Listen gehen. Traum-Mann – Hacken dran.
    Traum-Haus/Wohnung – Hacken dran.
    Traum-Leben, egal was jeder für sich darunter versteht – Hacken dran.
    Was fehlt ist nur noch das Luxusgut Kind.
    Und wenn dieses kleine Wunder dann da ist, wird das Kind an die Oma abgeschoben, weil die Karrierefrau nach 6 Wochen dringend zurück an die Arbeit muss oder der Traum-Body wieder in Form gebracht wird und ein Baby beim Powerworkout nur stört.
    Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann zu den Müttern gehöre, die das Ganze als das nimmt was es ist: Ein kleines Wunder, aber auch was ganz natürliches. Dass ich als Mutter nicht perfekt für die Außenwelt sein muss, sondern nur die beste Mama für mein Kind.
    Allen, die dieses Glück schon haben, ich freue mich für euch.

    • Du wirst eine ganz wunderbare, bodenständige Mutter und ich wünsche dir von Herzen, dass du nicht mehr lange warten musst. <3

  8. Thorsten Fohrmann 21. Februar 2017

    DAAAANNNKKKKEEE für deinen Text. Ich kenne zwar auch „normale“ Mütter, aber die meisten wandeln sich doch in „mein Kind…und dann nichts mehr“ Mütter.
    Ja ich bin ein Mann und ja ich kann keine Kinder bekommen und ja ich bin kein Papa…
    ABER ich liebe Kinder. Ich respektiere absolut jeden Mutter, jeden Vater aber ich stelle fest das ich in der Öffentlichkeit, öfters mehr Verständnis für schreiende Kinder oder sogar… schrecklich … spielende Kinder habe als viele andere, die Mutter / Papa sind…..
    Und leider ja ist es immer noch so, dass es für viele nicht verständlich und hinnehmbar ist wenn man kann keine Kinder haben will. (Gründe interessieren aber niemanden… auch wenn man es mehrfach versucht hat zu erklären), muss man den Lügen und sagen wir können keine bekommen, damit Ruhe ist? Ich bin mit meiner Freundin seit 12 Jahren zusammen und wir werden regelmäßig gefragt und gehen davon aus das bis zu ihren Wechseljahren so weiter geht 🙁 (das wird aber noch dauern ;-))
    Das gleiche Thema ist Hochzeit……

    Dir Ellen und deinem Mann viel Spaß beim kleinen Wunder was da kommt und Danke für deine Texte

    LG
    Thorsten

    • Das fehlende Verständnis für gewollte Kinderlosigkeit ärgert mich auch, aber mal so richtig. Ich wünsche euch starke Nerven und alles Gute!

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