Ich mach mir das Leben schwer. Mit Absicht und guter Laune.

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Gut-finden

Anfang des Jahres habe ich, wie immer, ein paar Vorsätze aufgeschrieben. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ausgerechnet mein Vorhaben, einen Unterschied zu machen und ein positiverer, freundlicherer Mensch zu sein, der schwerste Punkt auf meiner Liste sein würde.

In den letzten Monaten habe ich immer wieder festgestellt, wie einfach es doch ist, genervt zu sein. Motzen, meckern, lästern, grummeln, grollen, moppern, kneiseln. Sich über Dinge und Leute lustig machen. Uns alles, was nicht dem eigenen Gusto entspricht, schlicht „Doof!“ zu finden. Das alles fällt uns oft so viel leichter, als uns für andere zu freuen. Verständnis zu zeigen. Etwas nachzufühlen. Und unser Nichtgefallen einfach mal für uns zu behalten.

Ich habe den Eindruck, dass man heutzutage mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn man nur laut und oft genug „Plöd!“ ruft. Immer wieder begegnen mir Blogposts, in denen ordentlich gemeckert und gejammert wird. Und darunter? Unzählige, beifällige Kommentare.

Klar, denn Abneigung verbindet.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund und im Internet kann man sich schnell Feinde machen. Und Freunde gemeinsame Feinde finden. Und überhaupt, es ist doch echt ein gutes Gefühl zu wissen, dass man mit seinen Abneigungen nicht alleine ist und dass anderen auch andauernd irgendwas beschissenes passiert und GUT, DASS DAS ENDLICH MAL EINER SAGT!

Es gibt im Internet ganze Foren, in denen ein reger Austausch über vermeintliche Verfehlungen von Bloggern und anderen bekannten Personen statt findet. Jede Äußerung wird da beschimpft, jedes instagram Bildchen ins Jenseits kritisiert. Die Leute, die das tun, tun das gemeinsam und fühlen sich voneinander bestätigt. Sie geben einander Recht und feiern diejenigen, die besonders hart mit ihren Opfern ins Gericht gehen.

Unterhaltsam ist das natürlich auch, denn es ist doch viel einfacher, lustig zu sein, wenn man etwas hat, worüber man sich lustig machen kann. Eislaufmütter, PEGIDA, Hipster, das Wetter, die Behörden, Politiker, öffentliche Verkehrsmittel. Alles Dinge, über die man sich ärgern kann. Alles Dinge, über die sich lang, breit und mit Erfolg lustig gemacht wird. Und dafür muss man sich vorher nicht einmal eine fundierte Meinung bilden. Im besten Fall kommt man damit sogar ins Fernsehen. Wo man überhaupt dann besonders erfolgreich ist, so scheint es, wenn man überhaupt nichts mehr Ernst nimmt und alles lächerlich macht. Sowieso: Wer will denn auch so ein scheiss Hippie sein, mit Love und Peace und dem ganzen Quark?

Doof finden und meckern, das ist oft also nicht nur leicht, sondern obendrein noch unterhaltsam und zeigt uns, wer unsere Freunde sind. Eigentlich kein Wunder, dass es mir gar nicht so leicht fällt, damit aufzuhören.
Ich erwische mich, trotz aller guten Vorsätze, immer noch dabei, dass ich die Augen hinter den Rücken nerviger Mitmenschen verdrehe und aus dem überfüllten Bus übellaunige SMS an meinen Mann schicke. Überhaupt, mein Mann. Wir sind keine bösen Menschen, aber manchmal zeigt sich unsere Zusammengehörigkeit einfach darin, dass wir uns gemeinsam über etwas aufregen. Oder über jemanden.

Geholfen ist dadurch keinem. Denn auch wenn wir uns für den Moment den Frust von der Seele gemeckert haben, geändert haben wir dadurch nichts. Und noch dazu hätten wir die Zeit, die wir zum Motzen gebraucht haben, ganz sicher schöner miteinander verbringen können. Anstatt ihm eine Nachricht zu schicken, in der ich mich über die mangelnde Körperpflege meines Sitznachbarn im Bus auslasse, hätte ich meinem Mann ja auch einfach schreiben können, dass ich mich auf ihn freue. Oder ich hätte in der Zeit Mails beantworten können. Oder, oder, oder. Es gäbe unzählige bessere Möglichkeiten.

Es ist also gar nicht so einfach, seinen Unmut immer für sich zu behalten. Noch schwerer ist es, dem Unmut möglichst keine Chance zu geben. Und natürlich gibt es auch reichlich Gelegenheiten, zu denen Verärgerung und Abneigung nicht nur angebracht sind, sondern auch deutlich geäußert werden sollten. Es ist eben nicht immer alles Heititeiti, eitel Sonnenschein.
Aber viel zu oft machen wir es uns schlichtweg zu leicht und begnügen uns mit Pöbeln, wenn wir unsere Energie dafür nutzen sollten, einfach etwas zu ändern. Oder schnell weiter zu gehen, denn nicht alles, was uns missfällt, bedarf unseres Kommentars. Vieles ist einfach nicht unser Bier, und dann den „PLÖD“-Stempel rauszuholen ist bloß anmaßend.

Ich versuche also weiterhin, mir das Leben dahingehen ein bisschen schwerer zu machen. Mich nicht der schlechten Laune und dem erleichternden Gekneisel hinzugeben. Meine abwertende Meinung für mich zu behalten, wo sie nicht gefragt ist und überhaupt: Mich gar nicht groß mit Sachen aufzuhalten, die mich ärgern.

Meine Zeit verbringe ich lieber mit Dingen, die ich gut finde. Meine Stimme, meinen Blog, meine Social Media Profile benutze ich lieber dafür, meine Begeisterung für Sachen zu teilen. Auch wenn es mich manchmal überkommt und der Mecker-Tweet schneller abgeschickt ist, als mein Gewissen „Wenn du nichts Nettes zu sagen hast…“ sagen kann. So ist das nunmal, mit dem Lernen. Man macht so lange Fehler, bis man es gelernt hat. Und dann macht man manchmal trotzdem noch Fehler. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

Kommentare 3

  1. Ich finds gut!
    Die Welt braucht mehr Hippies 😉
    Ich versuche auch seit einiger Zeit mehr das Gute zu sehen oder zu suchen, wenn es sich nicht auf den ersten Blick zeigt. Ist manchmal ganz schön schwierig, aber lohnt sich IMMER.
    Oder versuche ich einfach negative Dinge auszublenden? Kommt wohl aufs Gleiche raus: ich bin zufriedener.
    In diesem Sinne: „kindness – spread that shit around like confetti“

  2. Hallo Ellen,

    ich teile deine Ansichten, erwische mich auch hin und wieder dabei, mich in meckern und motzen zu ergehen. Besonders beim Autofahren fluche ich noch zu oft, aber es ist schon weniger geworden. Eigentlich nur wenn ich unter Zeitdruck bin lasse ich mich vom Verhalten anderer Nerven. So habe ich inzwischen so viel Gelassenheit erreicht, dass beispielsweise ungeduldig meckernde Kunden bei Aldi an der Kasse mich nicht anstecken können, wenn der Kassierer die Kasse schon öffnet und kurz (vermutlich für ein dringendes Bedürfnis) verschwindet. Zeit haben wir alle zu wenig, aber ich bin auch der Meinung, dass wir sie besser nutzen können als mit Gezeter und Gemoser. Doch das ist besonders uns Deutschen in die Wiege gelegt, kein Wunder, dass es uns so schwer fällt da auszubrechen. Drücke uns aber die Daumen, es zu schaffen.

    Viele Grüße, Silke

  3. hallo ellen! super post, erkenne mich sehr darin wieder! irgendwie beruhigend, dass es nicht nur mir so geht…denke ich doch ab und zu, irgendwann (oder sogar jetzt schon) so eine verbitterte alte tante zu sein, die man selbst immer ganz peinlich findet, wenn man ihnen im bus oder sonstwo begegnet… 😉
    danke dafür!!!

    liebe grüße, sabrina

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