Form + Funktion. // Meine Absage an Vorher-Nachher-Körper.

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Babybauch

Afterbabybody. Was für mich lange Zeit nur ein weiteres, kleines Steinchen im großen „Dämliche Erwartungen an menschliche Körper“-Mosaik war, ist langsam aber sicher zum irritierenden, drückenden Stein in meinem Schuh geworden.
Setzt man sich der medialen Darstellung von Schwangerschaft aus, dann kann man ihm nicht entkommen. In welche Richtung man sich auch dreht und wendet, man findet sich zwischen Horrorvisionen und Heilsversprechen wieder. Da stehen sich Beschreibungen des vermeintlich desaströsen körperlichen postpartalen Zustands und stolz plakatierte sogenannte Erfolgsgeschichten gegenüber. Sicher scheint: Nach der Schwangerschaft ist dein Körper ein anderer.

Babybauch

Ach, eigentlich hast du schon in der Schwangerschaft einen anderen Körper. Deinen Vorher-Körper hast du irgendwann unterwegs abgegeben, spätestens als der Bauch langsam größer wurde. Und wahrscheinlich vermisst du ihn, diesen Vorher-Körper. Und betest verzweifelt, dass du ihn (möglichst unbeschadet) zurück bekommst. Nachher.
Oder vielleicht bist du auch froh, dass du endlich einen gesellschaftlich akzeptablen Körper bekommst. Zumindest für ungefähr neun Monate. Neun Monate, in denen dick zu sein zwar noch immer nicht als schön, aber als ausnahmsweise annehmbar gilt. Doch der Afterbabybody wartet schon. Die üblichen Erwartungen im Gepäck.

Vor meiner Schwangerschaft war ich zufrieden mit meinem Körper. So zufrieden, dass mich die allgegenwärtige Fixierung auf ein körperliches Idealbild zwar fuchsteufels wild machte, mich aber nicht mehr an meinem Selbstwert und der „Richtigkeit“ meines Körpers zweifeln ließ.
Und dann war mein Körper plötzlich irgendwie auch der Körper von #wennkerjunior – und was mir vorher so vertraut war, wurde plötzlich ungewohnt und jeden Tag auf’s Neue anders. Ich war versucht, meinen „alten“ Körper zu vermissen.

Babybauch

Dabei ist mein Körper noch immer mein Körper und bleibt auch after baby mein Körper. An keinem Punkt wird er gegen einen anderen ausgetauscht. Ich wurde in diesen Körper geboren, er ist mit mir gewachsen und in ihm werde ich älter. Bis er irgendwann einmal die Arbeit einstellt wird er sich noch oft verändern, so wie er sich von Anfang an kontinuierlich verändert hat.

Mein Körper ist gewachsen. Größer geworden. Runder. Mal wurde er stärker. Mal schwächer. Mit der Zeit zeigte er mehr und mehr Narben und Falten. Und Tattoos. Manche Veränderungen habe ich bewusst herbei geführt. Die meisten sind einfach geschehen. Denn mein Körper ist der Inbegriff von gutem Design: Form follows Function.

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Meine Muskeln wachsen, wo sie beansprucht werden. Die weichen Polster aus Fett speichern Energie. Die silbernen Streifen an meinen Beinen zeigen, dass meine Haut sich auch noch dehnen konnte, als die Grenzen ihrer Elastizität erreicht waren. Klug angelegte Sollbruchstellen im Gewebe. Ich werde weicher, wenn mein Leben bequemer verläuft. Zäher, wenn es anstrengender wird. Und jetzt grade werde ich eben runder, fülliger, nachgiebiger.

Das ist nicht endgültig. Dieses Kind, das noch in meinem Bauch heranwächst, wird irgendwann geboren werden und mein Körper wird sich wieder ändern, um seinen neuen Aufgaben gerecht zu werden. Er wird seine Form ändern, so wie sich mein Leben ändert. Wieder und wieder. Mein Körper ist in just diesem Moment seine eigene „Vorher“– und „Nachher“-Version zugleich. Aber er ist der einzige Körper, den ich habe. Veränderlich. Aber nicht austauschbar. Mein Afterbabybody ist kein anderer als mein Prebabybody ist kein anderer als mein Schwangerschaftsbody. Mein Körper ist mein Körper ist mein Körper. Immer wieder anders. Nie weniger wert.

Babybauch

Wenn mir also wieder ein Magazin, ein Blog oder ein Instagram-Post weismachen will, dass ein Afterbabybody zum einen der hohe, schmerzhafte Preis für ein leibliches Kind und obendrein erst dann wieder ein „vollwertiger“ Körper ist, wenn man ihm den after baby Teil nicht mehr ansieht, freue ich mich einfach darüber, wie anpassungsfähig mein Körper ist. Solange ich von seinem steten Wandel fasziniert statt erschrocken bin, fällt es mir trotz all der anders lautenden, gesellschaftlichen Ansprüche leichter mich in seinem Ist-Zustand wohl zu fühlen. Wie auch immer der grade aussehen mag.

Zwischen all den „Schnell zurück zum alten Körper“ und „Meine Makel sind immerhin Auszeichnungen meiner Mutterschaft“ Proklamationen habe ich ganz still und leise für mich festgestellt: Ich muss mich für die Form meines Körpers nicht entschuldigen. Er hat seine Gründe dafür.

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  1. purzelinchen 5. Juni 2017

    ich möchte deine worte ausdrucken und überall aufhängen. so schön und so wahr, danke dafür!

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