Der Luftzug einer sich schließenden Tür. Oder auch: Die Sache mit dem Bloggen.

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Liebes Bloggen,

wie lange kennen wir uns jetzt eigentlich schon? Zehn Jahre? Ja, das könnte hinkommen.
Ganz heimlich, still und leise fing es an. Damals.
Ungeteilte Zeiten, weisst du noch? So hieß unser erstes Aufeinandertreffen.
Es war die Lust am Schreiben, die mich damals in deine Arme trieb. Und geschrieben habe ich. Was habe ich nicht alles geschrieben! Gedichte, Essays, Tagebucheinträge.
Dadaistisch, spätpubertär-verzweifelt, experimentierfreudig. Mit großem Liebeskummer und noch größerer Neugier auf die Zukunft.

Irgendwann kam für mich die Uni und du, liebes Bloggen, wurdest berühmt. Erst langsam, dann immer schneller. Du wurdest bunter, immer bunter.
Ich habe versucht, Schritt zu halten. Habe neue Blogs aus dem fruchtbaren Boden des Internet gestampft und angefangen, meine Texte mit Fotos zu untermalen.

Während ich mit meiner alten Digitalkamera ein möglichst beeindruckendes Bild meines völlig unbeeindruckenden Lebens zu machen versuchte, bist du über dich hinaus gewachsen.Du wurdest größer und größer. Und immer wichtiger.
Du hast angefangen, Geld zu verdienen. Ganz viel Geld.

Es war etwa zu dieser Zeit, als mir richtig bewusst wurde: Es ging längst nicht mehr nur um uns zwei. Du bist für eine monogame Beziehung nicht wirklich gemacht, Bloggen. Du willst mehr. Du bringst Menschen zusammen, mehr Menschen, als ich manchmal aushalten kann. Lässt man dich walten, wie es dir passt, pfeifst du auf persönliche Grenzen, machst dich auf allen Kanälen breit und schreist nach mehr.

Ich habe alles versucht. Ich bin mitgerannt, wollte alle überholen, wollte dein Business-Partner sein. Und bin auf die Schnauze geflogen. Habe versucht, mit dir zu streiten und dich wieder zu meinem Freund zu machen. Habe mich angebiedert, dir die kalte Schulter gezeigt und nach Kompromissen gesucht. Immer wieder bin ich auf dich reingefallen.

Ja, du bist schön, liebes Bloggen. Du hast mir viele tolle Leute vorgestellt und mich auf die abwegigsten Ideen gebracht. Durch dich habe ich viel gelernt und wir hatten eine schöne Zeit. Das mit uns war wirklich etwas Besonderes, was Festes, für die Ewigkeit. Die ganz große Liebe.
Darum fällt mir das, was ich dir jetzt sage, nicht ganz leicht:

Es ist aus.

So kann es mit uns wirklich nicht weiter gehen. Deine Sucht nach Followern und Likes hat dich verändert, ich erkenne dich kaum noch wieder!
Und hör auf mir zu sagen, dass ich es doch auch mag, dieses PLING meiner Mailbox, das mir den nächsten Abonnenten ankündigt, mich über das neueste Gefällt mir! informiert. Es stresst mich nur noch.
Viel zu lange habe ich alles getan, um diese Sucht zu befriedigen. Habe gehashtagt als gäbe es kein Morgen, habe mein Leben Schokoladenseiten-farben getüncht und jedes meiner Worte auf Massenkompatibilität geprüft. Ich habe mich der Gefallsucht hingegeben, auf Teufel komm raus versucht, aufzufallen ohne anzuecken.

Doch damit ist jetzt Schluss. Bei deinem Spiel um schneller, bunter, geiler komme ich schon lange nicht mehr mit. Während ich dich früher für deine Unabhängigkeit und deine erfrischende Dreistigkeit bewundert habe, geht mir deine Selbstüberschätzung heute auf den Senkel.
Vielleicht liegt es aber auch nur an meinem Naturell – ich habe noch nie zu übermäßigem Ehrgeiz tendiert.

So oder so: Das mit uns, das passt nicht mehr. Wir sind Geschichte. Pack deine Sachen, raus mit dir, Tschüssikowski!
Mach dir Tür zu, wenn du gehst. Und vergiss deine Social Media Sammlung nicht. Das meiste davon habe ich eh nie leiden können (ja, ok, instagram kannst du mir da lassen, aber dann nimm vorher wenigstens deine Erwartungshaltung raus – und stell die Benachrichtigungen aus!).
Nimm deine Visitenkarten, deine Netzwerke und deine Sponsored Posts, du nimmersattes Ungetüm, und verzieh dich endlich aus meiner Ecke des Internets!

Nein, liebes Bloggen, du brauchst nicht zu weinen. Ich bin dir nicht wirklich böse. Ich liebe dich noch immer! Bloß tue ich das ab jetzt lieber aus der Ferne. Wir können ja Freunde bleiben. Und wenn du magst, dann kannst du mich auch mal besuchen kommen, so ab und zu. Du weisst ja, wo du mich findest.

Bis dahin. Mach es gut.

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Liebe Leser,

auch wenn meine Liebe zum Bloggen verebbt ist – meine Liebe zum Schreiben ist ungebrochen. Deshalb wird es hier auch in Zukunft weiter gehen. Nur eben ohne das ganze Theater drumherum.
Viel wird sich für euch wohl erstmal nicht ändern: Die Seite wird in den nächsten Wochen ein wenig renoviert, meine Social Media-Profile benutze ich, sofern ich sie nicht komplett deaktiviert habe, mittlerweile nur noch ‚privat‘ (sprich: ich nutze sie einfach nicht mehr als ‚Verlängernung‘ meines Blogs oder um auf Je suis Huck aufmerksam zu machen) und meine zukünftigen Posts hier werden ziemlich sicher deutlich textlastiger.

Hier zu schreiben ist mir ein liebgewonnenes Hobby, das ich ganz allein für mich selbst betreibe. Und auch wenn ich mir keinen Arm mehr dafür ausreißen werde, die Statistiken dieser Seite weiter und weiter zu optimieren, freue ich mich über jeden einzelnen, der her findet und zu bleiben beschließt.

Schön, dass ihr da seid <3

Kommentare 8

  1. Ich mag Text! Ich bleib hier und bin gespannt… und kann dich gut verstehen.
    Aber schön, das IG weiterläuft, ich muss doch – neben anderen Dingen – Newton weiter begucken, gg…
    Lg

    • Ich habe langsam das Gefühl, Newton könnte gut und gerne einen eigenen ig-Kanal unterhalten… Nur zu gut, dass er keine Daumen hat! So ist das mit der iPhone-Bedienung unmöglich 😉

  2. Und genau so soll´s doch sein. Jeder in seinem Tempo und mit den Vorlieben die jeder selber hat.
    Klar, ich mache mir auch den Stress und frage: „Was kann ich vielleicht verbessern?“
    Aber irgendwie ist es kein Stress. Ich brauche das Feedback. Weil es bei mir auf Arbeit keines gibt. Immer nur machen, machen, machen. Das schlaucht. Durch den Blog gebe ich meinem Kopf und meiner Seele eine Plattform wo sie walten und schalten kann. Was sie auf Arbeit nicht darf. Entschuldige ich mich gerade dafür? Egal. So ist das halt.

    Ich finds gut dass du das machst was dir gut tut. Ich find´s auch klasse, dass du weiter machst. Lese ich doch so gern bei dir.

    Liebste Grüße

    • Danke, liebe Dana! Feedback finde ich gut (besonders, wenn es so nett ist 😉 ).

  3. Ich habe heute – durch den Instagram-Hinweis von Juli – erst zu dir gefunden und war eben etwas geschockt, als ich das las und direkt dachte, du hörst auf zu bloggen – ausgerechnet heute! Ich fand deinen Blog nämlich auf den ersten Blick wirklich schön. Auch auf den zweiten 😉 Deshalb freue ich mich, dass dem nicht so ist und ich in naher Zukunft doch von dir lesen kann. Liebe Grüße, Lisa

  4. Auch ich lese so gerne hier und werde dies auch weiterhin…
    Authentische Worte.
    Und: Knuddler für den fremdsprachenbeherrschenden Sir Newton (‚meaow‘).
    Liebe Grüße, Nina

  5. auch ich werde sehr gern weiterhin bei dir vorbeischauen!
    ich selbst bin da ganz ähnlich gestrickt. ich freue mich sehr über leser, brauche dabei aber keine spektakuläre „leserzahlsteigernde selbstoptimierung“ meines blogs. ist mir viel zu anstrengend :D…
    deshalb unterschreibe ich deine entscheidung voll und ganz, für mich macht sie deinen blog sogar noch ein stückchen sympathischer, als er ohnehin schon ist 🙂

    ganz liebe grüße
    sabrina

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