Capsule Wardrobe vs. Sustainable Wardrobe vs. Mein Kleiderschrank

Capsule-Wardrobe-Resume

Janas fantastischer Vortrag auf The Hive ist ein super Anlass für mich, endlich mein Fazit zu meinem Versuch Capsule Wardrobe festzuhalten und mir zu überlegen, wie es mit meinem Kleiderschrank weiter gehen soll.

Ich würde gerne sagen können, dass meine Capsule Wardrobe ein voller Erfolg war. War’s aber nicht. In einigen Dingen hat mich das Konzept zu sehr eingeschränkt. Und anderen Aspekten wiederum möchte ich in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken.

Meine Gedanken zu dem Thema, wild durcheinander, direkt aus meinem Kopf in die Tastatur gehauen:

1. // Beim Zusammenstellen meiner Capsule Wardrobe habe ich mich sehr auf einen Uniformlook verlassen, dabei hätte ich mir von vornherein denken können, dass mich die ständige Wiederholung eines Themas (schwarze Skinnies + Shirt + schlabbrige Strickjacke) schnell furchtbar anöden würde. So schön die Vorstellung von einem unverwechselbaren Stil (wobei, wie unverwechselbar kann so eine schlichte Kombi schon sein?) auch ist, ich bin einfach keine Comicfigur, die Tag um Tag die gleichen Klamotten trägt. Ich brauche Abwechslung. Röcke, Hosen, Kleider. Enge Shirts, Schlabberhirts, Skinny Jeans, Boyfriend Hosen… Außerdem führt dieser Uniform Gedanke bei mir nicht dazu, dass ich weniger Kleidung kaufe. Ich kaufe mir einfach die gleichen Sachen öfter. Und bin dann noch viel schneller viel schwerer gelangweilt.

2. // Während ich grade dargelegt habe, wie sehr es mich langweilt, die immer gleichen drei Kleidungsstücke zu tragen, habe ich mittlerweile extrem satt, was Jana in ihrer Präsentation als Fast Fashion bezeichnet hat. Immer schneller und öfter kommen neue Sachen in Mode und wir laufen alle in die Läden und kaufen uns mehrmals mal im Jahr den neuesten heissen Scheiss. Weil sich das ja kaum ein Schwein leisten kann, kaufen wir natürlich billigen heissen Scheiss. Sobald der nur noch lauwarm ist tut das dann auch nicht besonders weh, den Mist auf kürzestem Weg zu entsorgen. Und vorne schaufeln wir weiter den letzten Schrei rein.

Wenn früher einer seine Jacke bei seinen Freunden vergessen hat, dann wussten wir immer, wem das Teil gehört. Genauso war das mit Taschen, Schuhe und sogar Hosen, Shirts und Pullovern. Weil wir die Sachen einfach so oft und lange getragen haben, bis dass sie als Teil von uns wahrgenommen wurden und als Teil unserer Erlebnisse. Wie die alten Totenkopf Vans, die mich auf Konzerte und Festivals begleitet und mit mir mein Abi durchgestanden haben. Oder die alte Lederjacke meiner Schulfreundin, die auf beinahe allen alten Fotos irgendwo auftaucht. Selbst, wenn mal nur die Jacke im Bild ist, weiß ich heute noch genau, wer sie getragen hat.
Heute ist es ja schon beinahe verdächtig, wenn man die ollen Klamotten nicht regelmäßig durch was Neues ersetzt. Und unsere Jacken bleiben gesichtslos.
Ich brauche zwar Abwechslung, aber ich will meine Sachen wieder so lange und so oft tragen, dass meine Klamotten eine Identität bekommen. Und eine Geschichte.

3. // Damit meine Sachen überhaupt so alt werden können, müsste ich sie ordentlich pflegen. Und sie gut in Schuss halten. Schuhe zum Schuster bringen, am besten bevor die Sohle komplett abfällt (was heutzutage bei vielen Schuhen leider sehr schnell passiert). Löcher in meinen Wollpullis stopfen. Aufgeribbelte Nähte reparieren. Und Hosen, die zu lang sind, kürzen (lassen), anstatt einfach den Saum kaputt zu laufen und sie dann als kaputt weg zu schmeissen. Ich könnte lose Knöpfe wieder annähen, anstatt sie auf meinem Nachttisch zu sammeln. Und vielleicht ist es ja tatsächlich ganz sinnvoll, Handwäsche von Hand und nicht in der Maschine zu waschen. Überhaupt: Was wäscht man wie und womit und wie oft? Mit meiner Hell, Dunkel, 60° Aufteilung wird zwar alles sauber, aber einiges auch schneller alt.
Um meine Kleidung vernünftig zu pflegen sollte ich also am besten noch ein paar Dinge lernen.

4. // Mit der richtigen Pflege halten meine Sachen länger. Besonders, wenn ich direkt die „richtigen“ Sachen kaufe. Mit „richtig“ meine ich zum einen natürlich Kleidung, die mir absolut gefällt, sowohl auf dem Bügel als auch an meinem Körper. Sachen, die mich rundum glücklich machen. Ich kaufe keine Dinge mehr, von denen ich denke, dass ich sie besitzen sollte. Und schon gar nicht kaufe ich etwas, bloß weil es vorteilhaft ist.
Zum anderen meine ich mit „richtig“ aber vor allem, dass ich in Zukunft mehr Wert darauf legen will, wie ein Kleidungsstück altert. Leder wird zum Beispiel durch langes Tragen oft noch schöner. Ein helles Oberteil kann bei mir nur in Würde alt werden, wenn der Stoff sich gut waschen lässt.
Neuanschaffungen sollten also auch auf lange Sicht Sinn machen.

5. // Ausmisten hat wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. Und auch kluges Einkaufen trägt nur bis zu einem gewissen Grad zu einer Sustainable Wardrobe bei.
Zwar wird uns auf allen Kanälen gezeigt, wie und wo wir an schicke, nachhaltig produzierte Mode kommen, im Grunde ist aber doch genau das ein Teil des Problems: Aufwendig produzierte Mode, die spätestens in der übernächsten Saison sowas von unmodisch ist. Und dann durch was Neues, total ökologisch und ethisch korrekt hergestelltes, ersetzt wird. Viel nachhaltiger wäre es doch, die Lebensdauer der Dinge, die man bereits besitzt (mal auf Seite gelassen, woher sie ursprünglich stammen) um ein Vielfaches zu verlängern und nur noch selten überhaupt etwas anzuschaffen.
Also lieber den alten H&M Pullover noch für ein paar Jahre behalten, als ihn vorzeitig durch etwas vermeintlich besseres zu ersetzen. (Das ist etwas, was mich generell an dieser „Nachhaltigkeits“-Bewegung stört. Zu oft sehe ich da, wie Dinge, die noch gut in Schuss sind, durch „ökologisch wertvollere“ Sachen ersetzt werden. Natürlich ist ein Weidenkorb schöner und weniger umweltschädlich als ein Wäschekorb aus Plastik. Es sei denn, man schmeisst den intakten Plastikwäschekorb weg, um einen „nachhaltigen“ zu kaufen. Das ist doch Humbug. Und produziert nur jede Menge unnötigen Müll.)

Grade letzteres ist irgendwie nicht besonders sexy, oder? Man hat doch oft das Gefühl, wenigstens ein, zwei kleine Auffrischungen für die neue Saison zu brauchen. Ein neues Paar Schuhe. Oder noch eine Tasche. Vielleicht einen Schal? Oder einen Pullover.
Mir jedenfalls passiert das regelmäßig. Doch deswegen werde ich mich jetzt nicht verrückt machen. Nur ein bisschen besser drüber nachdenken, ob ich etwas neues kaufe. Warum. Und was.
Und ich stecke jetzt mehr Zeit in die Pflege meiner Sachen. Imprägniere meine Schuhe und meine Lederjacke. Ich fette mein Clogs ein. Und kann mir jemand beibringen, wie man Löcher stopft? Dank Newton habe ich so einige Pulloverärmel, die etwas mottenzerfressen aussehen.

Das ist also jetzt mein ganz eigener Ansatz. Irgendwo zwischen Capsule und Sustainable Wardrobe. Ganz ohne Regeln. Aber mit mehr Nachdenken.

3 thoughts on “Capsule Wardrobe vs. Sustainable Wardrobe vs. Mein Kleiderschrank

  1. Rahel

    vielen dank für diese ehrlichen und ERFRISCHENDEN gedanken! bin gestern durch hey natalie jean auf dein blog aufmerksam geworden und schon jetzt völlig angetan, endlich mal jemand, der in worte fasst, was ich beim stichwort „capsule wardrobe“ denke. ein kleiderschrank mit einer (eingeschränkten) auswahl an kleidern, die einen tagtäglich inspirieren und erfreuen, mit einer portion von nachhaltigen gedankenmacherei eingekauft – perfekt!

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  2. Kindderachtziger

    Wieder mal ein toller und ehrlicher Beitrag, war schon gespannt, wie dein Fazit ausfallen würde. Bei mir ist es in der Regel so, dass ich Kleidung länger trage, als sie vielleicht „in“ sind. Habe viele Teile schon mehrere Jahre und möchte sie auch nicht missen. Manches habe ich erst kürzlich wieder hervorgeholt, was bisher höchstens zum Gammeln getragen wurde. Besonders bei Jacken und Schuhen achte ich auf Haltbarkeit, da sie doch meist nicht günstig sind (zumindest wenn man auf Langlebigkeit und Komfort = Lederschuhe wert legt.). So kommt bei mir pro Jahr meist nur wenig Neues hinzu, das ist aber dann ausgesucht und ich freue mich, wenn ich es zu meinem Teil machen kann. Besonders Schals/Tücher haben es mir da angetan, zum Geburtstag bekam ich dann auch einen Schalbügel geschenkt, der noch auf Einsatz wartet. Ausmisten versuche ich möglichst regelmäßig, plane auch jetzt wieder mal zu durchforsten. Finde ein übersichtlicher Kleiderschrank (oder auch Abstellkammer für Vorräte) entlastet einen im Alltag, man weiß was da und was regelmäßig zum Einsatz kommt und müllt sich selbst nicht zu – habe ich mal in einem Zeitmanagement Seminar gelernt 😉 –

    Wünsche dir nun gutes Gelingen, dass du wieder Kleidung zu deinem Stil machen kannst.
    Viele liebe Grüße, Silke

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