Augen zu.

Kommentare 2

Augen-auf

Macht die Augen zu, dann wisst ihr, was euch gehört!

Meine Brüder und ich hatten mal wieder um irgendwas gestritten und mein Vater beendete das lautstark ausgefochtene „Meins!“-„Nein, meins!“ wie immer mit diesem Satz, der auch gerne zum Einsatz kam, wenn wir irgendetwas ganz dringend haben wollten.

Als Kind empfand ich den als furchtbar gemein. Und bis vor nicht allzu langer Zeit hatte sich daran nichts geändert, ich trumpfte damit bei jedem Wettstreit um die fiesesten Eltern-Sprüche auf (damit und mit „…wenn du damit unter den Zug kommst bist du tot.“ – Ich liebe meine Eltern, aber manchmal machten sie es uns Kindern echt nicht leicht. Was vielleicht auf Gegenseitigkeit beruhte, doch darum geht es hier jetzt nicht…).

Aber dann irgendwann, ich war längst erwachsen genug um andere Sprüche von meinen Eltern aufgetischt zu bekommen (meistens Vorträge über Steuern oder die Rente und doch, die Sache mit dem Zug kriegen wir Kinder noch heute bei Wehwehchen zu hören), machte ich mir um irgendeinen Kikifax fürchterliche Gedanken.
Ich kann heute nicht mehr sagen, was es genau war, aber ich hatte wohl irgendwas verlegt. Oder wollte irgendwas unbedingt haben? Jedenfalls schwirrte mir mal wieder ein lautes „Meins! Meins! Meins!“ im Kopf herum. Und plötzlich hatte ich die Stimme meines Vaters im Ohr:

Mach die Augen zu, dann siehts du, was dir gehört.

Augen-auf

Mit einem Mal war an dem Satz gar nichts mehr gemein. Wenn du die Augen zu machst, dann siehst du, logisch, nichts. Und dieses Nichts war jetzt irgendwie sehr befreiend. Denn irgendwann im Leben bedeutet jede Art von Besitz auch Verantwortung.
Als Kind, da räumt man dir noch hinterher und wenn was kaputt geht rennst du heulend zu Mama oder Papa und schon wird dir geholfen.
Aber als Erwachsener? Klar, ich laufe auch heute noch oft und gerne zu meinen Eltern, wenn was im Argen liegt, so ganz hört man doch nie auf mit dem Kindsein. Aber die Sorgen, die mit meinem Besitz kommen, dir nehmen sie mir heute nicht mehr ab. Ich muss mich selber um meine Sachen kümmern.

Die Augen zu machen und daran denken, dass das alles nur Kram ist, dass nichts davon lebenswichtig ist und nichts davon wirklich untrennbar zu mir gehört, das rückt mir heute die Perspektive wieder grade, wenn mir die Dinge mal wieder über den Kopf wachsen.
Und besonders, wenn ich mal wieder den Hals nicht vollkriegen kann und mir das „Meins! Meins! Meins!“ die Sicht verstellt.

Alles, was ich habe, habe ich vor allem einem zu verdanken: Dem Glück.
Klar, wir haben für alles gearbeitet, mal mehr, mal weniger hart. Doch dass wir überhaupt die Gelegennheit dazu haben, zu arbeiten und mehr Dinge zu kaufen als ich grade aufzählen könnte, das ist schlicht Glück.
Andere Menschen haben diese Gelegenheit nicht. Und trotzdem sind sie nicht mehr oder weniger wert als ich es bin.

Es hat ganz schön lange gedauert, doch jetzt weiß ich glaube ich endlich, was mein Vater mit seinem Spruch zu bezwecken versuchte.
Respekt und Dankbarkeit zu haben, für die Dinge, die man besitzt, ohne sich auf diese Sachen allzu sehr zu verlassen. Denn spätestens, wenn es auf die letzte Reise geht, gehört uns nichts mehr davon.

Naja. Eigentlich wollte er nur seine Ruhe und hatte die Nase bestimmt gestrichen voll von drei Kindern, die andauernd alles haben wollten. Aber während so einiges, was meine Eltern mir beibringen wollten, kein bisschen gefruchtet hat (Ordnung ist das halbe Leben? Also ehrlich, ich habe es auch in der anderen Hälfte ganz schön!), sind so manche Dinge unbeabsichtigt einfach hängen geblieben (Mittags um eins habe ich Hunger. Immer.).

Als Kinder haben wir übrigens irgendwann das Gegenmittel zu Papas Lieblingsspruch gefunden.

Seinem „Macht die Augen zu, dann seht ihr was euch gehört.“ entgegneten wir irgendwann nur noch mit einer Aufzählung unserer wildesten Wünsche: „Ein Ferrari, ein Pony, ein Pool, das Playmobilhaus, noch ein Ferrari, ein Flugzeug…“
Da musste Papa sich dann was Neues einfallen lassen, denn gegen kindliche Phantasie ist einfach kein Kraut gewachsen.

Und auch das Phantasieren mache ich heute noch gerne. Mir ausmalen, was ich alles gerne hätte, all die schönen Dinge aufzählen, die auf meinem Wunschzettel stehen.
Doch egal, ob ich alles habe oder nichts – wichtig ist erstmal nur, was in mir steckt. Der Rest ist Glück.

Kommentare 2

  1. Guter Spruch, muss ich mir merken. Du hast so recht mit deinem Beitrag, sich mehr auf sich besinnen und anerkennen, was man hat, ist wirklich ein feiner Charakterzug. Geht leider in unserer Gesellschaft geprägt von den perfekten Fotos im Social Media und unvorstellbar vielen Möglichkeiten, die uns offen stehen. Da ist es gut sich in solchen Momenten auf die gute Erziehung zu besinnen.

  2. Oh ja, mit diesem Spruch bin ich auch aufgewachsen. Und der hat mich richtig genervt, ich wollte doch schließlich immer nur daß mein Bruder aufhört sich in meinem Zimmer zu bedienen. Wirklich kapiert was dieser Spruch bedeuten sollte habe ich ohnehin erst als ich die Augen aufgemacht habe und da war dann in der Tat „Nichts“ mehr. Und das auch noch durch eigene Dummheit.

    Daran denke ich zurück wenn mir alles über den Kopf wächst. Diese Erfahrung richtet die Perspektive sehr schnell wieder gerade. Von daher kann ich Dir aus ganzen Herzen zustimmen: es ist Glück, arbeiten gehen zu können und genug zu verdienen um sich all den Kram kaufen zu können. Ich mag meinen Kram, könnte ihm auch genauso gut von heute auf morgen den Rücken kehren.

    Liebe Grüße,
    Mirtana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.